Die Macht der Perspektive



Wie selbstverständlich sprechen wir von Perspektiven, wenn wir die Zukunft beschreiben. Das war nicht immer so. Eine Entdeckungsreise auf den Spuren eines Phänomens, das unsere Wahrnehmung prägt und unser Denken bestimmt – und doch zugleich von Menschen gemacht ist.

BILDUNTERSCHRIFT © Foto: Lionel Pascale, lionelpascale-photo.com
BILDUNTERSCHRIFT © Foto: Lionel Pascale, lionelpascale - photo.com

Die Verblüffung könnte nicht größer sein, die Verwandlung nicht radikaler. Denn wer sich dem Gebilde nähert, ohne sein Geheimnis zu kennen, sieht nichts als eine willkürliche Ansammlung von Gegenständen: Teile alter Stühle. Eine Schubkarre. Ein Bügelbrett. Der Kopf einer Buddha-Figur. Eine kaputte Gitarre.

Neugierige Betrachter umkreisen den scheinbaren Sperrmüll. Sie stutzen. Sie rätseln. Doch wenn sie an einer ganz bestimmten Stelle ankommen, steht ihnen plötzlich der Mund offen: Schlagartig verwandelt sich der „Müllberg“ in das Porträt eines französischen Postbeamten.

Alles eine Frage der Perspektive: Wie sehr sie unsere Wahrnehmung bestimmt, demonstriert der französische Künstler Bernard Pras meisterhaft. Aus wertlosen, oft weggeworfenen Alltagsgegenständen installiert Pras kleine Landschaften, die ihre wahre Bedeutung so lange für sich behalten, bis der Betrachter den richtigen Blickwinkel gefunden hat.

Eine Welt ohne Perspektive

Sichtbar machen, was verborgen war. Neue Dimensionen erschließen. Visionen vermitteln. All das ist heute mit dem Begriff der Perspektive verbunden – einem Begriff mit einer langen Karriere: Im Mittelalter war „Ars Perspectiva“ nicht mehr als ein Sammelbegriff für die Wissenschaft der Optik.

Sich gezielt auf die Suche nach Neuem zu begeben, an ein besseres Morgen zu glauben, Fortschritt zu ermöglichen: Das war den Menschen des Mittelalters fremd. Ihr Leben war von der Wiederkehr des ewig Gleichen geprägt. Ihr Denken kannte keine Perspektive. Erstaunlicherweise sieht man das auch an ihren Bildern. Während im alten Rom schon verblüffend räumliche Bilder entstanden („künstliche Fenster“ waren in Mode), kannte die Kunst des frühen Mittelalters keine Tiefe. Ihre Bilder waren so flach wie die Scheibe, für die die Welt damals gehalten wurde. Wer wichtig war, wurde groß dargestellt, nebensächliche Figuren klein. Entfernungen spielten keine Rolle.

Die Entdeckung der Zukunft

Es dauerte Jahrhunderte, bis die Menschen wieder lernten, die Welt in allen drei Dimensionen abzubilden und parallel dazu eine vierte entdeckten: die Zukunft.

Mit den Werkzeugen der Zentralperspektive konnte die Kunst die Welt so abbilden, wie wir sie sehen. Und erschloss sich damit zugleich die Möglichkeit, die Welt so zu zeigen, wie sie sein könnte. Meisterwerke wie Raffaels „Schule von Athen“ in den Vatikanischen Palästen sind eindrucksvolle Beispiele. Die Kunst erschloss die Tiefe des Raumes – und die Menschen fingen an, Pläne zu schmieden.

Weitblick siegt

Dass mehr Sehen mehr Wissen bedeutet (und damit mehr Macht) war seit Urzeiten bekannt. Der sprichwörtliche „Feldherrenhügel“ erinnert daran, dass die bessere Perspektive in der Schlacht einen entscheidenden strategischen Vorteil bedeuten konnte. Weitblick siegt. Kein Wunder, dass in mittelalterlichen Städten mancher Landstriche Europas regelrechte Wettbewerbe darum entbrannten, welche Familie den höchsten Turm bauen würde.

Später gerieten die Wohntürme aus der Mode. Statt sich überlegene Aussichten aus Stein zu erbauen, wurden lieber „virtuelle Perspektiven“ in Auftrag gegeben: raffinierte Spiele mit dem Schein der dritten Dimension. Wandgemälde, die Passagen vorgaukelten, die nicht da waren und Räume scheinbar in die Unendlichkeit vergrößerten. „Trompe-l’œil“, „Täusche das Auge“, ein Begriff aus dem Französischen, den man bis heute kennt.

„Wir sehen mit dem Gehirn“

Manchmal liegen neue Möglichkeiten, die alles verändern können, nur einen Schritt weit entfernt – manchmal sogar nur einen Blick. Professor Bernd Lingelbach ist davon überzeugt. Der (inzwischen emeritierte) Wissenschaftler der Hochschule Aalen hat den Zusammenhang von Optik, Wahrnehmung und Denken zu seinem Lebensthema gemacht – und diesem Lebensthema in „Lingelbachs Scheune“ im beschaulichen Leinroden / Ostalb das vielleicht unterhaltsamste Riesen-Experiment aller Zeiten gewidmet, nur anderthalb Autostunden vom Franken Guss Stammsitz Kitzingen entfernt.

In jedem Raum, an jeder Ecke der Scheune bürsten Lingelbach und sein Team die Wahrnehmung der Besucher „gegen den Strich“ – eine Wahrnehmung, die von klein auf darauf „programmiert“ ist, das Gesehene nach gelernten Gesetzmäßigkeiten zu strukturieren. Zum Beispiel, dass Kleines weit weg ist.

Genau diese Gesetzmäßigkeiten werden in Lingelbachs Scheune trickreich ausgenutzt: Was gerade wirkt, ist schief, was groß wirkt, oft ganz klein. Es wirkt wie ein Crashkurs in der Kunst, nicht vorschnell zu urteilen.

Die Botschaft: Perspektive ist kein Naturgesetz. Unsere Wahrnehmung basiert auf Erfahrungen und Erlerntem. Die Bedeutung bekommt jedes Bild erst im Kopf: „Wir sehen mit dem Gehirn, nicht mit dem Auge“, so Lingelbach.

Perspektive: Künstliche Intelligenz

Nicht allzu weit entfernt, am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Tübingen, fordern genau solche Phänomene die Forscher immer wieder neu heraus. Denn ob im fahrerlosen Auto oder im Operationssaal: Die künstlichen Intelligenzen der Zukunft müssen nicht nur das mehrdimensionale Denken, sondern auch das dreidimensionale Sehen lernen. Sonst drohen fatale Fehler.

Wer das erreichen will, muss klein anfangen, weiß Michael J. Black: „Ich will einen Roboter dazu bringen, sich in der Welt so gut zurechtzufinden wie ein zweijähriges Kind.“ Was leichter gesagt ist als getan: „Wir Menschen analysieren unsere Umwelt in Sekundenbruchteilen“, erklärt der Experte für Perzeptive Systeme: „Uns reichen der Glanz und die Schattierungen einer Oberfläche, um zu erkennen, ob sie rutschig oder griffig ist“ – und ein schneller Vergleich mit anderen Objekten sagt uns, wie nah oder weit entfernt diese Oberfläche wahrscheinlich ist.

Auch wenn unsere „vorgefertigte“ Wahrnehmung der Welt anfällig für Überraschungen ist und auch, wenn sie uns den Blick regelrecht verstellen kann: Sie ist zugleich ein hochkomplexes System, das uns das Leben leichter macht. Und das ganz nebenbei unterstreicht, dass Perspektive allein nicht genügt: Sie muss mit Erfahrung verbunden sein. Anderenfalls müssten wir das Sehen immer neu erfinden und stünden ratlos vor den Gegenständen unserer Umwelt wie ein Roboter ohne das richtige Programm.

So ist das wahre Geheimnis hinter der Macht der Perspektive wohl letztlich das Wissen um diese Macht. Wer sich daran erinnert, wie anders die Dinge sein können, als wir sie wahrnehmen, der gewinnt fast von selbst mehr Kraft, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen und sie im Austausch mit anderen zu erweitern. Gemeinsam neue Perspektiven erschließen: Der „Aha-Effekt“ kann noch gewaltiger sein als in der Kunst von Bernard Pras.

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